
Fundiert, informativ und spannend - Ein gutes Buch zeigt sich bei mir an den Eselsohren, die ich einknicke, um wichtige Seiten zu kennzeichnen. Das Buch von Grawe hat deren viele. Grawe gelingt der Brückenschlag zwischen Neurobiologie und Psychotherapie. Man spürt, dass dieser Brückenbau zwischen diesen zwei wissenschaftlichen Beschreibungs-modellen erst am Anfang steht - Grawe zeigt auf, wo Gemeinsamkeiten- aber auch wo Lücken vorhanden sind, die weiterer Forschung bedürfen. Damit führt er eine eher humanistisch-geisteswissenschaftlich geprägte Psychotherapie an eine neurobiologisch-naturwissenschaftliche Denkweise und deren Erkenntnisse heran. Gleichzeitig warnt er auch vor einer Reduktion des Menschen (und seiner Individualgenese)auf neuronale Vorgänge,die die Erfahrungen, Kränkungen usw. des Individuums ausblenden. Hoch interessant auch der Vergleich der Effektstärken zwischen Psychopharmaka-Therapie und psychologischer Psychotherapie.Ganz ohne Kritik geht es nicht: Grawes Buch konzentriert sich auf Angststörungen, Zwang und Depression - andere Störungen wie z.B Manie, Autismus oder psychopathisch-aggressive Störungen werden leider nicht besprochen. Auch das in Kapitel 4 vorgestellte Bedürfnismodell des Menschen wurde neurobiologisch zurecht gebogen, um Grawes Wirk-Konzept zu untermauern. Wichtige, neurobiologisch nachgewiesene Emotions-/Motivationssysteme wie z.B instrumentelle Aggression /Rage aber auch Seeking / Exploration kommen zu kurz. Aus diesem Grund ist auch das Gesamtmodell nicht stimmig. Trotzdem: Das Buch ist sein Geld wert. Ich kann nur wünschen, dass es von vielen Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzten gekauft wird. Es öffnet die Tür in eine neue Welt und steht gleichzeitig auf solidem wissenschaftlichem Boden.