
Problematisches Konzept - Eine kurze Geschichte durch Geist und Gehirn (im Original: The Emerging Mind, aber seit Hawking ist ja Eine kurze Geschichte von irgendwas ein Dauerbrenner) ist ein Abdruck von Reden, die der Autor in Großbritannien im Rahmen der Reith-Vorträge hielt. Leider wurden dieses offenbar für den Druck nur minimal bearbeitet und so ist es leider meiner Erfahrung nach nicht verwunderlich, dass es deutliche konzeptuelle Probleme gibt. Erstes ist das Buch sehr kurz. Es sind ca. 130 Seiten + Quellenverzeichnis und Glossar. Auf diesem geringen Umfang ist es praktisch unmöglich, einen sinnvollen Einstieg in so ein kompexes Themenfeld wie die Neurowissenschaft zu geben. Desweiteren schreibt der Autor im Vorwort, dass die Vorträge sowohl für Kollegen interessant, als auch für den Laien verständlich sein sollten. Leider schafft er es nicht, diesem Anspruch gerecht zu werden. Seine Ausführungen bleiben an vielen Stellen eher oberflächlich, auf der anderen Seite benutzt er aber sehr viel Fachvokabular, das zwar einigermaßen erläutert wird, ohne fundiertere Kenntnisse aber vom Leser nicht in einen größeren Kontext eingebettet werden kann. Zu Beginn beschreibt er die Aufteilung des Kortex. Das ganze Buch enthält aber nicht eine einzige Zeichnung oder Darstellung des Gehirns. Dies könnte man schon fast absurd nennen. Auch kommt für mich der philosophische Gehalt viel zu kurz. Fragestellungen dieser Art werden eigentlich nur in einem der fünf Vorträge behandelt. Nach dem Lesen der Kurzbeschreibung hatte ich mir da doch deutlich mehr erhofft. Natürlich könnte das auch durch die noch sehr rudimentären Erkenntnisse auf diesem Gebiet erklärt werden.Die Vorträge bestehen hauptsächlich aus Beschreibungen des Verhaltens von Patienten mit bestimmten Gehirnläsionen. Dies erinnert deutlich an Sacks Der Mann, der seine Frau mit einem Hund verwechselte. Den qualitativen Inhalt dieses Werkes erreicht das vorliegen allerdings nicht. Wer sich wirklich mit dem Thema Gehirn intensiv beschäftigen möchte, kommt wahrscheinlich nicht darum herum, ein wissenschaftliches Werk wie z.B. den Schandry (Biologische Psychologie) oder die Einführung von Kandel und Schwartz (Neurowissenschaften: Eine Einführung) zu studieren. Positiv möchte ich zum Abschluss noch erwähnen, dass es wirklich toll ist zu sehen, wie fasziniert Ramachandran von seinem Gebiet ist. Das hat wirklich Vorbildcharakter !
Wenn das Gehirn nicht richtig tickt . . . - Kleine Schwächen können Menschen liebenswürdig machen. Etwas größere und nicht mehr so ganz unauffällige Schwächen erscheinen uns schrullig und Geistesgestörte haben immer schon eine seltsame Faszination auf uns ausgeübt. Irgendwo dazwischen liegt die Welt eigenartiger neurologischer Störungen, in die uns Vilayanur Ramachandran einführt. Er erklärt an Hand merkwürdiger Geschichten einzelner Patienten, wir alle ticken - ob wir einen Tick haben oder nicht. So nebenbei stößt er auf Themen, wie: Was ist Bewusstsein? Wie verhält es sich mit dem freien Willen? Sind es die Gene, die uns prägen, oder die Kultur? Der Neurowissenschaftler bringt die Evolution in die Neuropsychologie und kratzt am Alleinvertretungsanspruch von Philosophen und Kunsttheoretikern in den Fragen nach dem Selbst, dem freien Willen oder den universellen Gesetzen in der Kunst.* Vom sorgfältig studierten Einzelfall zu allgemein gültigen Schlussfolgerungen *Patienten, die unter neurologischen Störungen leiden, haben unter Umständen nur eine ganz bestimmte Funktion des Gehirns verloren. Beispielsweise können sie Gesichter nicht erkennen (Prosopagnosie), glauben, dass der Bekannte, der vor ihnen steht ein Doppelgänger desselben sein muss (Capgras-Syndrom), fühlen den Arm, obwohl er vollständig amputiert ist (Phantomglied) oder sehen Töne oder Zahlen in Farben (Synästhesie).Vilayanur Ramachandran nähert sich dem Gehirn in einer bewährten medizinischen Tradition, der sorgfältigen Einzelfallstudie. Sein Argument: Im Gegensatz zu quantitativ-statistischen Analysen großer Patientengruppen, hat diese Art der Herangehensweise bislang die meisten der erfolgreich eingeführten neurologischen Definitionen hervorgebracht. Während wir immer wieder staunen, dass unsere Emotionen den Verstand besiegen, ist dies für Vilayanur Ramachandran nicht allzu überraschend. Für ihn steht fest, dass wir die Funktionen des Gehirns im Licht der Evolution betrachten müssen. Denn die kognitiven und planerischen Gehirnregionen gleichen ihre denkerischen Ergebnisse mit den Emotionszentren ab. Diese evolutionär sehr ursprünglichen Gehirnregionen geben aber letztlich den Ton an. Und so plädiert der Autor für eine Behandlung von Geisteskrankheiten, die evolutionäre Aspekte einbezieht. Er nennt dies Evolutionäre Neuropsychiatrie und stellt diesen Ansatz neben die bisherigen Ansätze, die entweder von Störungen des chemischen Gleichgewichts (Neurotransmitter und Rezeptoren) oder von frühkindlichen Ereignissen als Ursache der Störungen ausgehen. Mit dem evolutionären Ansatz erweist er dem Biologen und Evolutionsforscher Theodosius Dobzhansky seine Referenz, der den bekannten Satz geprägt hat: Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Lichte der Evolution. Es überrascht dann auch nicht, dass er die Debatte unsinnig hält, ob die geistigen Fähigkeiten des Menschen in unseren Genen oder in unserer Kultur liegen. Eine Frage, die er für ebenso sinnlos hält, wie die Frage, ob die Nassheit des Wassers in erster Linie vom Wasserstoff oder vom Sauerstoff stammt.In seinem sehr spekulativen Ausritt in die Kunsttheorie geht er der Frage nach, ob es universelle Gesetze der Kunst (künstlerische Universalien) gibt, die jenseits von kulturellen Einflüssen eine Rolle spielen. Hier ist er ganz Naturwissenschaftler. Er behauptet nicht, dass seine Thesen richtig seien. Aber er weist genüsslich darauf hin, dass man seine Vermutungen empirisch (d.h. durch wissenschaftliche Experimente) überprüfen kann. Der Seitenhieb: Ganz im Gegensatz zu den Vermutungen der Philosophen und Geisteswissenschaftler.* Unterhaltsam und informativ *Das Buch lebt von den Bildern merkwürdiger menschlicher Verhaltensweisen. Es ist zweifellos eine unterhaltsame und informative Einführung auch in die Welt unserer Gedanken und unseres normalen Verhaltens. Unser Gehirn leistet mehr, als wir ahnen und bringt mehr Fehlleistungen hervor, als wir zu akzeptieren willens sind. Es ist wohltuend zu sehen, dass der Autor nicht dogmatisch wirkt. Er macht klar, wo es sich um seine Vermutung handelt und wo es Belege für seine Thesen gibt. Er versteht es, komplizierte Sachverhalte vereinfacht darzustellen. Das Buch ist natürlich besonders leicht zu lesen, wo es um Fallgeschichten geht, für die Erklärungen der Vorgänge im Gehirn hätte ich mir allerdings gewünscht, Autor und Verlag hätten nicht so erbarmungslos mit Abbildungen gegeizt.
Fünf großartige Vorträge über das Gehirn... - ... hat der amerikanische Professor für Psychologie und Neurowissenschaften mit dem schwierigen indischen Namen hier in Buchform zusammengestellt. Die Reith-Vorträge wurden im Radio übertragen gehören zu einer Vortragsreihe, in der seit 1948 die berühmtesten Forscher einem breiten Publikum allgemeinverständlich über ihr Fach berichten dürfen. Doch Vilayanur Ramachandran ist nicht nur für seine Gabe bekannt, schwierige wissenschaftliche Themen packend und unterhaltsam zu erklären, sondern er ist auch als Mr. Fußnote bekannt. Darum endet sein Buch am Ende der fünf Hauptkapitel auf Seite 129 noch lange nicht. Es kommen noch über dreißig Seiten Fußnoten im Anhang, die wiederum für sich so lesenswert sind, dass ich empfehle, sie tatsächlich sogleich mitzulesen, sobald im Fließtext auf sie verwiesen wird. Außerdem enthält das Buch natürlich ein Glossar, in dem die Fachausdrücke ausführlich erklärt werden und es fehlt auch nicht das Literaturverzeichnis und weitere Lektüreempfehlungen für alle, die sich danach noch weiter in das Thema vertiefen wollen. Und das werden nicht wenige sein, denn Vilayanur Ramachandran zieht so ungewöhnliche Schlüsse aus seinen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, dass jeder Querdenker seine helle Freude daran haben wird.Das preiswerte Taschenbuch ist ein prima Geschenk für Liebhaber naturwissenschaftlicher Sachbücher, aber auch Philosophie und Kunst werden hier auf neue und bereichernde Weise betrachtet. Es handelt sich bei diesem Buch um ein echtes naturwissenschaftliches Leckerli.
Schöner Einstieg in die Thematik! - Wer sich für die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und den aktuellen Stand der Wissenschaft in diesem Bereich interessiert, findet hier einen sehr schönen Einstieg. Man erfährt viel über die einzelnen Regionen des Gehirns und wofür sie zuständig sind, daß die meisten Geisteskrankheiten auf fehlende oder fehlerhaft vorhandene Verbindungen zwischen einzelnen Hirnregionen beruhen. Das Buch liest sich einfach und ist leicht verständlich, es ist kein Vorwissen erforderlich. Und wenn man beginnt, sich für dieses Thema zu interessieren, kann man viel lernen für schmales Geld, verglichen mit manchen trockenen Fachbüchern, die meist sehr teuer sind und zu denen man keinen rechten Zugang findet.
Nett zu lesen, gibt aber vor, viel mehr zu sein als es ist - Ramachandran gewährt in diesem Büchlein einen interessanten Einblick in die aktuellen Ergebnisse der Hirnforschung. Natürlich stark simplifiziert, dafür aber gut verständlich.Das Problem ist lediglich, dass man hinterher glaubt, mehr zu verstehen, als man tatsächlich tut. Denn was Ramachandran völlig vernachlässigt, ist die Tatsache, dass viele Ergebnisse so klar nicht sind und deswegen auch andere Deutungen disktutiert werden (was er aber nicht einmal erwähnt). Die Art und Weise, auf die er die Philosophen angreift, halte ich in diesem Zusammenhang für völlig unangemessen - denn die Hirnforscher glauben zu oft, sie könnten die Probleme der Philosophie des Geistes klar lösen, dabei interpretieren sie von vornherein nur in ihrem Sinne. Wie viel das bringt, halte ich für fraglich...Wer sich an diesem, meiner Meinung nach zentralen Punkt nicht stört, wird dieses Büchlein schnell durchlesen (einen Vormittag habe ich gebraucht) und daran seine Freude haben können. Wer aber eine differenzierte, also nicht völlig einseitige Beleuchtung des Themas wünscht, sollte sich lieber nach etwas anderem umsehen.