
Unbedingt lesenswert - Soviel vorweg: Das Buch ist ein Segen, sehr profund und brillant argumentiert und ausgezeichnet gegliedert. Und es empfiehlt sich für jeden zu lesen, der sich von den vermeintlichen Fortschritten der Hirnforschung inzwischen ermüdet fühlt, da sie bislang bei weitem nicht einlösen konnte, was sie in Aussicht gestellt hat: Nämlich das Gehirn, und daraus abgeleitet das Bewusstsein und Denken zu verstehen. In wissenschaftlichen mainstream der Hirnforschung wird das Gehirn immer als eine Art ultrakomplexer Computer aufgefasst. Allerdings scheint es kaum jemanden zu irritieren, dass Computer nicht einmal im Ansatz irgendwie Bedeutungen kennen würden. Kein Computer weiß, was er auf seinen eigenen Schirm schreibt. Er zeigt nicht die Spur von Eigenheit oder Identität, während das Gehirn diese Eigenschaften fast nebenbei hervorbringt. Und da diese Diskrepanz offenbar nicht zu überbrücken ist, braucht es einen Grund-legend neuen Ansatz zum Verständnis des Gehirns. Genau dies leistet Thomas Fuchs mit seinem Buch. Zunächst kritisiert er in hervorragender Weise die gängigen (meist mechanistisch-deterministisch ausgerichteten) Bewusstseinstheorien, um dann ein eigenes phänomenologisch gegründetes Gegenmodell zu entwerfen, das die Subjektivität von Lebewesen als nicht-reduzible Qualität wirklich ernst nimmt. Kern seiner Theorie ist die Beobachtung, dass jede belebte Entität, von der Zelle angefangen bis zur Person, sich dadurch auszeichnet, dass sie eigenaktiv in die Gestaltung seiner äußeren Lebensbedingungen eingreift und sich so seine Lebensbedingungen ein Stückweit selbst organisiert. Dabei handelt es sich um eine Aktivität des gesamten Organismus, die nicht in mikroskopische Schaltvorgänge zerlegt werden kann. Das Lebensganze übt also einen organisierenden Einfluss auf seine Teile aus, genauso wie umgekehrt auch die Teile (sprich Moleküle, Zellen, Organe) zurückwirken auf das Ganze. Ursachen und Wirkungen stehen nicht in einem linearen Verhältnis (weil die Moleküle so und so zappeln, stellen sich bei der Person diese oder jene Gedanken bzw. Gefühle ein), sondern zirkular kausal.Unter dieser Perspektive präsentiert sich das Gehirn nicht mehr als eine Art Apparat, sondern als ein Organ der Person, das Beziehung „verdaut“ und anverwandelt. So wie sich Magen und Darm die Nahrung anverwandeln und dem Körper zueigen machen, verwandelt sich das Gehirn die Welt und die sozialen Bezüge an, verleiblicht sie. Dies tiefer zu verstehen, muss man das ganze Buch lesen. Es liest sich freilich nicht wie ein Roman, aber wer ein wirkliches Erkenntnisinteresse verfolgt, findet darin etliche „goldene Sätze“. Das Buch hat das Potenzial, zu einem wirklichen Grundlagenbuch einer neuen Forschungsausrichtung zu werden, die sich mehr für das Leben selbst als für dessen stückweise herausisolierten Funktionsabläufe interessiert. Es ist jedem zu empfehlen, der sich für Gehirn- und Bewusstseinsforschung interessiert und nicht nur ingenieursmäßig, sondern Sinn-voll darüber nachdenken möchte – eines der tiefgründigsten Bücher zur Hirnforschung, die bislang auf dem Markt zu finden sind.
Eine Kritik der neuronalen Vernunft - Hier ist die fundierte, gut geschriebene und kenntnisreiche Antwort auf die Herausforderungen der neurowissenschaftlich geprägten Naturalismusdebatte. Eine Antwort ganz im Sinne des großen Projekts der Aufklärung. Eine solche ist dringend vonnöten angesichts des immer unübersichtlicher werdenden Dschungels aktueller neurowissenschaftlicher Forschung. Und zwar geht es hier um nichts weniger als um die Frage, was aus den zahlreichen Erkenntnissen der aktuellen Neurowissenschaften folgt. Sicherlich behaupten die Neurowissenschaften selbst, eine Aufklärung des Menschen zu betreiben. Sie werden dabei nach Kräften von den populären Medien unterstützt. Dennoch - unserem hartnäckigen Selbst-Bewusstsein will es trotz täglicher Ergänzungen und Aktualisierungen der modernen Hirnforschung immer noch nicht ins Hirn, dass unser Bewusstsein lediglich Prozesse neuronaler Informationsverarbeitung wiederspiegeln soll, dass die in unserem Rücken agierende neuronale Maschinerie nur den Schein eines dauerhaften Selbst erzeugt, dass unser Gehirn wohlmöglich ganz ohne Selbst auskommt. Ist dies alles Tinneff oder ist es die absolute Wahrheit?Fuchs stellt sich diesen Fragen und gibt Antwort. Zugegeben, er überschreitet in seinem Buch die üblichen Denkwirklichkeiten eines feuilletonistischen Niveaus. Aber damit eröffnet er überhaupt erst die Möglichkeiten, die in der Debatte auf einem solchen Niveau sonst gemeinhin verloren gehen. Denn die neurowissenschaftliche geprägte Naturalismusdebatte bleibt ja nicht ohne Konsequenzen für ein Verständnis des Menschen, diese Debatte ist ja nicht langweilig, niveaulos oder die einfältige Erhitztheit von Wichtigtuern. Jedoch liegen die Konsequenzen der Debatte nicht in einer Naturalisierung der Subjektivität - also gewissermaßen der Abschaffung der Erste-Person-Perspektive -, sondern in einem Verständnis der Subjektivität, welches für die neurowissenschaftlichen Erkenntisse offen und transparent ist. Das Buch Das Gehirn - ein Beziehungsorgan entwickelt in zwei Teilen eine vielschichtige und dabei durch und durch rational-aufklärende Haltung gegenüber der Naturalismusdebatte, sowie einer populär gewordenen Betrachtungsweise des Gehirns als geheimer Schöpfer der Welt, Dirigent unserer Selbst oder Behältnis des Subjekts. Die aus der aktuellen Naturalismusdebatte resultierenden Konsequenzen, so der Standpunkt von T. Fuchs, liegen hingegen nicht in einer Naturalisierung und Reduzierung von Subjektivität. Fuchs zeigt, dass aus den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen eben gerade keine Abschaffung der Erste-Person-Perspektive (des Sich Empfindens als Kern aller Bewusstseinsprozesse 2.1.1.) folgt. Er zeigt vielmehr, dass es gilt, ein Verständnis von Subjektivität - von dieser durch jeden von uns ständig erfahrenen Erste-Person-Perspektive - zu entwickeln, welches gerade auch für neurowissenschaftliche (Forschungs-)erkenntnisse offen und transparent ist. Es geht ihm nicht darum, die Subjektivität gegen die materiell-organische Leiblichkeit auszuspielen, sondern sie als zwei Seiten derselben Medaille zu sehen und auch zu verstehen. Fuchs spricht diesbezüglich selbst gern von zwei Seiten einer Münze, die zwar nicht aufeinander wirken, aber einander ermöglichen und transformieren. Dies folgt nicht primär einem Methodendualismus von lebensweltlichem Verstehen und naturalistischem Erklären, auch wenn sich in diesem diese Zweiseitigkeit und Doppeldeutigkeit des menschlichen Lebens wiederfinden lässt. Sondern dies folgt dem Ansatz, dass das Gehirn als ein leibliches Organ des Menschen verstanden werden kann. Ebensowenig wie sich Essen und Trinken vollkommen aus der Funktionsweise des leiblichen Verdauungstrakts verstehen ließen, kann der Mensch als Person nicht vollkommen aus seinem vielleicht wichtigsten Organ - seinem Hirn - verstanden werden. Denn der Mensch als Person überformt permanent im Vollzug seines Lebens seine leibliche-naturale Seite - Fuchs spricht vom Organisieren der organisch-materiellen Matrix - und bleibt zugleich durch die naturwissenschaftlich beschreibbaren (neuronalen) Prozesse ermöglicht, veranlasst oder verunmöglicht, ohne hierdurch vollkommen definiert zu werden - Fuchs spricht vom Unterbestimmt bleiben der lebendig vollzogenen Personalität. Fuchs erläuert seine Sicht immer wieder mit vielen anschaulichen Beispielen und zeigt sich zugleich neurowissenschaftlich auf der Höhe der Zeit. Fuchs kommt hiermit immer wieder zu Passagen, die in ihrer Prägnanz wie Lehrsätze verstanden werden können. Beispiel: Das Bewusstsein zu eliminieren oder für ein Epiphänomen zu halten, weil es in der naturalistischen Einstellung nicht mehr zu beobachten ist bzw. sekbst in physikalische Kausalketten eingreift, wäre daher gerade aus biologischer Sicht völlig unangemessen. Es wäre nämlich gleichbedeutend mit der Behauptung, dass genau die gleichen physiologischen Prozesse auch ohne Bewusstseinsfunktionen entstanden sein und ablaufen könnten. Das mag in einem anderen Universum mit anderen Gesetzmäßigkeiten denkbar sein, in unserem Universum können wir jedoch nur den offensichtlich notwendigen Zusammenhang der beiden Aspekt feststellen. Daher bedarf das bewusste Wahrnehmen, Fühlen und Handeln zu seiner Realisierung bestimmter physiologischer Strukturen und Prozesse, die aber umgekehrt ohne diese integralen Funktionen gar nicht entstanden wären. (S. 240f)Als Grundaussagen seiner phänomenologisch-ökologischen Konzeption lassen sich vielleicht drei Aspekte nennen:1. das Gehirn kann als ein leibliches Organ des Menschen verstanden werden, und zwar wesentlich als Beziehungsorgan zwischen dem Menschen als Person und seinem Drumherum (Leib, Lebensgeschichte, Mitmenschen, Umwelt). 2. der Mensch kann als Person nicht ohne seinen Leib und dessen Organe verstanden werden und zwar wesentlich als Integral in lebensweltlicher und lebensgeschichtlicher Weise.3. in diesem Doppelaspekt der Person eröffnet sich die Transparenz für die Einzelelemente, die vom Ganzen her überformt werden.Alles in allem bietet Thomas Fuchs mit diesem Buch ein potentielles Standardwerk, eine gleichermaßen aufgeklärte wie aufklärende Kritik der neuronalen Vernunft. Sicherlich, seine Antwort auf die populäre Neurotümelei geht nicht so glatt ins Hirn wie ein schmissiges Jetzt-ist-endlich-Alles klar!-Konzept. Dafür aber gewinnt der Leser Verständnismöglichkeiten seiner selbst, wird nebenbei exzellent über den aktuellen Kenntnisstand von Neurowissenschaften, Entwicklungspsychologie und die Naturalismusdebatte aufgeklärt, und wird für schwierigere Textabschnitte immer wieder mit prägnant-knackigen und erhellenden Passagen entschädigt. Hier wird ein anregender Weg zum eigenen Weiterdenken und Nachdenken geboten. Kurz: Fuchs phänomenologisch-ökologische Konzeption bietet Aufklärung im besten Sinne.
Gegenposition verständlich erklärt - Wissensarbeit und Forschung scheinen irgendwie mit masochistischen Zügen zusammenzuhängen. Dieser Gedanken befiel mich jedenfalls bei der Lektüre dieses Buches. Da hat man Roth, Singer, LeDoux, Damasio und wie sie alle heissen, gelesen, bewährte Weltbilder mühsam angepasst, um dann erschreckt feststellen zu müssen, es könne alles auch ganz anders sein. Aber für eine solche Erschütterung braucht es Autoren wie Thomas Fuchs. Denn obwohl er dem neurobiologischen Reduktionismus hart an den Karren fährt, haut er seine Wissenschaftskollegen nicht in die Pfanne. Er reichert seine Gegenpositionen auch nicht mit gestelzten Formulierungen an oder behauptet, seine Wahrheiten seien nun für alle Zeiten in Stein gemeisselt. Er macht lediglich eine übersichtliche Auslegeordnung, welche Puzzlesteine nicht in mehrheitsfähige Bilder passen. Und er zeigt, wie es mit unserem Gehirn auch sein könnte, wenn man den Fokus mehr auf die Interaktionen mit der Umwelt richtet.Der berufliche Werdegang des Autors ist ein weiterer Beleg dafür, dass die eigene Geschichte die Interpretation der Wahrnehmung und der verinnerlichten Denkgebäude beeinflusst. Er promovierte nach dem Studium der Medizin, Philosophie und Geschichte in Medizingeschichte und ist heute Professor für Psychiatrie. Da erstaunt es nicht, dass er einen Blickwinkel einnimmt, der über die Betrachtung von Gehirnscanns und elektromagnetischen Wellen hinausgeht. Im Buch finden sich daher auch Kapitel, in denen er sich eingehend mit Fragen psychischer Krankheiten auseinandersetzt. Mein Fazit: Wer nicht einfach blind die Thesen der Medienstars unter den Neurowissenschaftler übernehmen will und neugierig auf andere Meinungen ist, muss dieses Buch lesen. Die Lektüre ist zwar manchmal schmerzhaft, aber schützt vor intellektuellem Sektierertum. Und einige lieb gewonnene Gewissheiten werden so in Frage gestellt, dass der Weg zu weiteren Erkenntnissen freier wird.